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Die kritischen Daten als Prädiktoren zur Schätzung physikalischer
Eigenschaften reiner Stoffe
Beiträge zur Faktorenanalyse von Harald Richter, Wuppertal
1971 erschien im Verlag Hans Huber die zweite Auflage eines Buches
von Kurt Pawlik mit dem Titel
Dimensionen des Verhaltens: eine Einführung in Methodik und Ergebnisse
faktorenanalytischer psychologischer Forschung [1]. Dem Buchcover war zu entnehmen:
"Mit diesem Buch liegt erstmals eine systematische Einführung in die Faktorenanalyse
in deutscher Sprache vor. [...] Das Buch ist in erster Linie als Lehrbuch für
Studierende der Psychologie und für Psychologen gedacht [...]." Gleichzeitig hob
man hervor: "Faktorenanalytische Methoden wurden jedoch in den letzten Jahren in
zunehmendem Maße auch in anderen Wissenschaften eingesetzt, so in der Soziologie,
Medizin, Biologie und den Wirtschaftswissenschaften. Vertretern dieser Fachgebiete
werden vor allem die methodischen Teile des Buches eine wichtige Hilfe sein."
Diese Textpassage musste bei allen Chemiebeflissenen die Frage provozieren:
"Kann auch die Chemie tief greifende Erkenntnisse bei Anwendungen des viel
gelobten Verfahrens aus der Psychologie erhoffen?"
Die Faktorenanalyse ist ein mathematisches Modell, das die Analyse umfangreicher
Datensätze mit an Menschen gemessenen Verhaltensmerkmalen ermöglicht. Es wird
gefragt, wie viele und welche Elementarvariablen (Faktoren) als Prädiktoren in
multilinearen Gleichungen die Beobachtungsdaten hinreichend genau reproduzieren.
Die Faktorenanalyse versucht durch Anwendung vorgegebener Algorithmen hinter
die Kulisse zu schauen und Größen zu erkennen, deren Zusammenwirken die
Verhaltensmerkmale prägt. Man spricht von den "Grundveranlagungen" der Menschen.
Es bot sich folgender Vergleich an: Während die Psychologie die Verhaltensmerkmale
der Menschen erforscht und mit Faktorenanalysen interpretiert, erforscht die
Chemie die Verhaltensmerkmale der Stoffe. Es wird zum Beispiel untersucht,
wie sich ein bestimmter Stoff bei Erwärmung verhält: die Schmelztemperatur
und die Siedetemperatur werden registriert. Es wird getestet, wie ein Stoff
die einfallenden Lichtstrahlen bricht: Brechungsindex heißt das Messergebnis.
Was steckt aber hinter den Testergebnissen der Chemie? Welche Faktoren
(Grundveranlagungen molekularen Verhaltens) stehen hinter den vielen Testdaten,
die man physikalisch-chemische Eigenschaften der Stoffe nennt?
Auf diese Fragen versprach die Faktorenanalyse eine Antwort. Das wollte ich erproben;
aber die Durchführung einer Faktorenanalyse war damals nicht leicht realisierbar.
Es war ein glücklicher Umstand, dass der Mediziner Harald Knopf, der an statistischen
Auswertungen medizinischer Daten arbeitete, mir den Zugang zum Zentralrechner der
Universität Köln ermöglichte, auf dem ein Statistik-Programm-System für die
Sozialwissenschaften installiert war. Mein vorbereiteter Datensatz (der mühsam
aus der Literatur zusammengesucht war und "in Lochkarten gestanzt" sein musste)
wurde am 28. April 1979 einer Faktorenanalyse unterzogen. Dabei gelang es,
aus 255 Messwerten für 15 physikalische Eigenschaften von 17 chemischen Substanzen
3 signifikante Hintergrundfaktoren zu extrahieren.
Auf Anhieb erkannte ich in den drei Faktoren die drei kritischen Daten, nämlich
die kritische Temperatur, die kritische Dichte und den kritischen Druck des
jeweiligen Stoffes: Meine Faktorenanalyse bestätigte in schöner Weise das
"Korrespondenzprinzip nach van der Waals".
Dieses Ergebnis zeigte zwar überzeugend die Validität des Faktorenmodells, brachte
aber im Grunde keine neue Erkenntnis. Deshalb sah ich von einer Veröffentlichung
zunächst ab. Im März 1980 berichtete Richard Cramer im Journal of the American
Chemical Society [2] über umfangreiche Faktorenanalysen physikalischer Stoffeigenschaften;
er machte die vielen Leser und Leserinnen mit der interessanten Forschungsmethode aus der
Psychologie bekannt, die sich nunmehr auch in der Chemie etablierte. Heutzutage wird
sie als "Königsweg" für Forschungen auf dem Gebiet der Chemometrie angesehen.
Für mich war überraschend, dass aus Cramers Untersuchungen nur zwei signifikante
Hintergrundfaktoren hervortraten; auch ging Cramer zu meinem Erstaunen nicht auf
das Korrespondenzprinzip ein, das doch von vorneherein als mögliches Ergebnis
einer erfolgreichen Faktorenanalyse vieler physikalischer Stoffeigenschaften zu
erwarten ist.
Unter dem Korrespondenzprinzip versteht man bekanntlich im weitesten Sinne die
Bestimmtheit des thermischen Verhaltens einer Substanz durch die jeweiligen
kritischen Daten. Diese auf Johannes Diderik van der Waals zurückgehende
Hypothese ist für die Theorie und die Praxis gleichermaßen bedeutsam.
Am Anfang des 20. Jahrhunderts war ihre Diskussion ein vorrangig behandeltes
Thema der physikalischen Chemie. Walter Nernst äußerte in seinem Buch
Theoretische Chemie die Meinung, dass dieses Problem eine fundamentale
und allgemeine Bedeutung besitzt, wie wenige der gesamten Physik und Chemie.
Es war mir gelungen, mit meiner Faktorenanalyse diese wichtige (teils deduktiv
abgeleitete) Theorie der physikalischen Chemie zu verifizieren, während bei
anderen, mit viel Aufwand durchgeführten Faktorenanalysen dieses Ergebnis
verborgen blieb!
Nunmehr fasziniert vom Ergebnis meiner ersten Faktorenanalyse, veröffentlichte
ich meine Entdeckung im November 1980 in der Chemikerzeitung [3].
Gleichzeitig vertiefte ich meine Untersuchungen über die Zusammenhänge
zwischen den Merkmalen chemischer Substanzen und den kritischen Daten.
Dabei gelang es mir unter anderem die Wärmeleitfähigkeiten von Flüssigkeiten
und die narkotischen Wirkungen von Gasen und Dämpfen auf die kritischen Daten
zurückzuführen. Außerdem konnte ich zeigen, dass der von Leonhard Riedel
in das Korrespondenzprinzip zusätzlich eingeführte "kritische Parameter"
keine grundsätzlich neue Stoffkonstante ist, sondern eine hilfreiche Kombination
der kritischen Daten.
Reinhold Ellmer, der damalige Schriftleiter der Zeitschrift Chemie für
Labor und Betrieb, ermöglichte es, diese Untersuchungen und ihre Ergebnisse
in der gewünschten Form darzulegen. Innerhalb von zwei Jahren (April 1982 -
April 1984) veröffentlichten wir in der genannten Zeitschrift sechs Aufsätze.
Diese Veröffentlichungen fanden mancherlei Beachtung; beispielsweise wird in
Römpps Chemie-Lexikon auf sie hingewiesen. Unten werden Sie zu Kopien dieser
Ver-öffentlichungen weitergeleitet.
Dem Verleger und Chefredakteur der Zeitschrift CLB Chemie für Labor und Biotechnik,
Herrn Rolf Kickuth, danken wir für die Erlaubnis, die Kopien hier wiederzugeben.
Literatur
-
K. Pawlik: Dimensionen des Verhaltens (Eine Einführung in Methodik und Ergebnisse
faktorenanalytischer psychologischer Forschung). Verlag Hans Huber, Bern - Stuttgart -
Wien 1971, ISBN 3-456-30265-7.
-
R. D. Cramer, "BC(DEF) Parameters. 1. The Intrinsic Dimensionality of Intermolecular
Interactions in the Liquid State", Journal of the American Chemical Society 102 (1980)
1837-1849.
-
H. Richter, "Faktorenanalyse - Eine Forschungsmethode der Psychologie etabliert sich in der Chemie", Chemikerzeitung 104 (1980) 326-327.
Links
Teil 1: Die kritischen Daten als Schätzbasis
Teil 2: Eine neue Gleichung zur Berechnung von Wärmeleitfähigkeiten
Teil 3: Ein Beitrag zum erweiterten Korrespondenzprinzip
Teil 4: Zurückführung der Riedelzahl auf die kritischen Daten
Teil 5: Die narkotische Wirkung von Gasen und Dämpfen
Teil 6: Die Verdampfungsenthalpie der Kohlenwasserstoffe
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